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Die letzten Jeckes des Tel Aviver Café Mersand

Café Mersand in Tel Aviv

pic: www.coolcousin.com

Das Café Mersand ist eine Institution in Tel Aviv, vor allem wegen seiner loyalen Stammkunden, einige seit über 50 Jahren. Hier treffen sich täglich ältere Jeckes (deutschsprachige Juden) zum Kaffeekranz. Wenn du Tel Aviv richtig spüren willst, dann bist du hier richtig.

Freitagvormittag ist das Publikum besonders eklektisch. Tel Aviv ist hier in seiner Essenz zu erleben: deutschsprachige Shoah-Überlebende und Hipster, amerikanische Studenten und rüstige Rentner, die nach dem Frühschwimmen im Meer ihren „Hafuch Gadol“, den grossen Milchkaffee trinken. Der Geruch aromatischer Kaffeebohnen und intellektueller Gesprächsfetzen hüllen das Café in ein besonderes Ambiente.

Wiener Käsekuchen und Günther Jauch

cafe mersand tel aviv

pic: miridavidovitz.blogspot.co.il

Das legendäre Café Mersand liegt an der belebten Kreuzung Ben Yehuda-Frishman. Ein Ecktisch ist jeden Vormittag für eine ganz spezielle Frauenrunde reserviert. Sie sind über 85 Jahre alt, tragen exzentrische Hüte, elegante geblümte Kleider und roten Lippenstift. Die Damen sprechen eine Mischung aus Hebräisch und Deutsch und führen die europäische Kaffeehauskultur in Tel Aviv fort. Alle sind sie vor den Nazis aus Deutschland und Österreich nach Israel geflüchtet. Einige kamen nach der Befreiung aus Konzentrationslagern.

Besucher im cafe mersand

pic: food.walla.co.il

Eines haben die Mädels gemeinsam: Sie sind treue Günther Jauch Fans. Als der Fernsehmoderator von seinem weiblichen Fanclub hörte, stattete er den Damen spontan einen Besuch ab. In dem Erzählband „In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel“, erinnert Chaja Florentin, wie Günther Jauch im Meersand auftauchte, um ihren Stammtisch zu beehren: „Er ist ein hundertprozentiger Herr! Er ist einer der vornehmsten Menschen, die ich je getroffen habe.“

Die Zeit bleibt stehen im Café Mersand

Die Zeit bleibt stehen im Tel Aviv Café Mersand

pic: smart-travelling.net

Wochentags ist das Mersand entspannt. Anwohner lesen ihre Morgenzeitung, Stammkunden und Touristen trinken den ersten Kaffee. Es gibt Frühstückskombinationen, Sandwiches, Salate und selbst gebackenen Kuchen. Klassiker ist der Käsekuchen mit Rosinen.

Das Mersand ist nach dem Berliner Einwanderer Walter Mersand benannt, der das Café 1958 nach europäischen Vorbild gründete. Obwohl Tel Aviv eine Stadt der ständigen Bauarbeiten und Renovierungen ist, hat das Mersand dem Modernisierungstrend statt gehalten. Das Café sieht original aus wie im Gründungsjahr. Einfache Hocker, klapperige Tische und derselbe Kaffee. Mikki, der Sohn von Walter Mersand führte das Lokal bis vor einigen Jahren im Sinne seines Vaters weiter. Dann verpachtete er es, mit dem Versprechen des neuen jungen Betreibers, alles so zu lassen, wie es ist.

Um das Café Mersanddem Zeitgeist anzupassen, legen abends DJ’s auf. Tel Aviver Hipster treffen sich hier gerne zum Drink vorm Ausgehen in die Clubs der Metropole. Doch am Morgen wandelt sich das Café wieder und die „Mädels“, wie die jeckischen Frauen liebevoll von Kellnern und Stammkunden genannt werden, übernehmen das Ruder.

 

Ben Yehuda Street 70 Ecke Frishman

Sonntag-Donnerstag 7:30-24:00, Freitag 7:30-18:00, Samstag 10:30-24:00

1 Kommentar

  1. Elisabeth

    Ach, das Mersand <3
    Ich war 18, als ich das erste Mal da war, mit Alice und Walter Grab (den kann man googeln…). Ich aus der Provinz, literarisch durchaus gebildet (dachte ich) und traf mich dann in einer Gruppe wieder, die die Ambivalenz zwischen Leon Feuchtwanger und (ich glaube) Max Brod diskurierte. Daran mag man sehen, wie alt ich bin 🙂
    Mersand war eine Oase der Jeckes und der "behüteten Menschen" , die Kuchenqualität ist allerdings immer noch gut!

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