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Wenn Israel für zwei Minuten stillsteht

shoahtag

pic: israelforever.org

Nächsten Montag ist Yom HaShoah, Holocaust Gedenktag. Jedes Jahr berührt mich das Stillstehen des Landes für zwei Minuten von neuen. Ich kann mich erinnern, dass ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal die Sirenen erlebte und wie angewurzelt auf der King George stand und kaum wagte, zu atmen. Alles war still um mich herum. Das ganze Leben hält an für zwei lange Minuten. Es war ein heisser Tag und ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Autos bremsen abrupt, die Fahrer stellen sich an den Strassenrand, senken ihren Kopf, um dem Unfassbaren zu gedenken. Passanten halten an, als hätte eine unsichtbare Hand die Pausetaste gedrückt. Einen ganzes Land. Zwei Minuten lang. Schweigen. Stille. Gänsehaut. Tränen. Erinnerungen. Gebete. Leid. Verlust. Nie vergessen.

Shoahtag

Pic: Sebastian Scheiner

Schweigen als Schutzmechanismus

Dieses Gefühl erlebe ich jedes Jahr aufs Neue. Oft hat mich die Sirene überrascht, in Arbeit vertieft oder auf dem Fahrrad. In Sekundenschnelle sind die Bilder wieder im Kopf. Jeder hat seine eigenen Bilder. Meine stammen nicht aus Büchern oder Filmen. Es ist meine Lebensgeschichte als Tochter von Shoah Überlebenden. Ein Foto meiner Mutter als 15-Jährige nach der Befreiung durch die amerikanische Armee in Dachau. Zweite Generation. Ganz nah dran. Bruchstücke von Überlebensgeschichten, die in meinen Adern fliessen. Das Schweigen zuhause. Der Schutzmechanismus der Überlebenden nicht mit den eigenen Kindern über die Vergangenheit zu reden. Und doch war die Shoah omnipräsent. In den Zwischenräumen, dem Echo des nicht Gesagten.

Mein Vater war ein begnadeter Rhetoriker. Ohne sich vorzubereiten, hat er grandiose Reden vor unzähligen Menschen aus dem Ärmel geschüttelt. Er war getrieben von seiner Vision einer menschlicheren Welt. Wenn er von seinen Auftritten spät abends nach Hause kam, um sich nach vier Stunden Schlaf einer neuer Runde Aufklärungsarbeit an Schulen, Unis, Parlamenten, Kirchen, Parteitagen und Talkshows hinzugeben, blieb keine Kraft mehr zum reden zuhause. Da war es still. So wie am Shoah Gedenktag. Bloss ohne Sirene.

March of the Living auf blutiger Erde

Shoahtag

pic: jfedsrq.wordpress.com

Für mich kam der Einschnitt 1988. Kurz vor dem Mauerfall. Damals war Polen noch kommunistisch. Ohne gross darüber nachzudenken bin ich mit einer jüdischen Delegation von Frankfurt im Reisebus nach Polen gefahren. Es war der erste March of the Living. Wir die Nachkommen, die Lebenden auf den Spuren der Vergangenheit, der Ermordeten. Polen erlebte ich wie einen riesigen jüdischen Friedhof. Blutige Erde.

Von Auschwitz marschierten wir nach Birkenau bei eisiger Kälte. Es war gespenstisch und hat mein Leben verändert. Ich glaube, genau da ist die Entscheidung in meinem Herzen gefallen, nach Tel Aviv auszuwandern. Neidisch schaute ich auf die israelische Jugenddelegation mit den blauweissen Fahnen und dem Davidstern. Sie flogen von Warschau zurück nach Tel Aviv und ich nach Frankfurt. Wie gerne hätte ich getauscht.

In drei Jahren wird mein ältester Sohn Ben diesen Weg antreten. Den March of the Living als Schüler eines Tel Aviver Gymnasiums. Als Enkel von Holocaust Überlebenden mit der israelischen Flagge in der Hand.

featured image: thenigo.com

 

 

4 Kommentare

  1. Sieghard Knobel (Sigi ben Noach)

    Hallo Naomi,
    mein Name ist Sigi, mein Urgroßvater war auch in Dachau, allerdings als Kommunist.
    Sein Name: Karl Laidig, auch er wurde von Amerikanern befreit. Vielleicht ist ihnen sein Name bekannt.
    In Dachau war ich nie auch nicht in Auschwitz aber das Gedenken halte ich aufrecht.
    liebe Grüße
    Sieghard Knobel

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