TEL AVIV NOTES  Insider Reiseblog für Tel Aviv
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Der Rothschild Boulevard in Tel Aviv als Geschichtsbuch

Der Rothschild Boulevard in Tel Aviv Zu meinem Geburtstag habe ich ein geniales Geschenk von meiner Freundin Dana bekommen: eine Bauhaustour mit Freunden und dann noch in deutsch. Letzte Woche haben wir uns auf die Socken gemacht. Vier deutschsprachige Mädels an einem sonnigen Tag durch Tel Aviv – auf zum Rothschild Boulevard.

Dana hat uns in ihr Auto geladen, um in der Nähe der Rothschildallee zu parken. Das Parkhaus war proppenvoll, so das wir erst gefühlte 100 Meter unter der Erde einen Stellplatz ergattern. Dana schiebt mir noch den Parkschein in die Tasche. Nummer sicher, meint sie, damit er ihr nicht verloren gehe. Wir holen uns einen Coffee-to-go, für mich nur einen Americano wegen der Sugardetox.

GLASTÜRME UND MOSAIKSTEINE

Mosaiksteine auf dem Rothschild Boulevard

Und da kommt unser(e) Guide Sandra: ohne Schirm, Kappe oder Hüftpouch. Ganz untypisch für das Klischee einer Fremdenführerin. Unsere Tour beginnt vor dem Mosaikbrunnen am südlichen Zipfel der Rothschild. Hier habe ich schon so oft gesessen, aber nie wahrgenommen, was es eigentlich mit dem Mosaik auf sich hat. Der von Nahum Gutman gestaltete Brunnen steht an einem historischen Platz. Genau an diesem Fleck wurde Tel Aviv im Jahre 1909 gegründet.

60 Familien aus Europa hatten die Vision einer modernen urbanen jüdischen Stadt, abseits vom staubigen Jaffa. Am östlichen Ende Neve Zedek’s, dem ältesten Viertels Tel Avivs gründeten sie die Kaufgemeinschaft Ahusat Beit. Mit Anleihen des Jüdischen Nationalfonds erstanden sie fünf Hektar Sanddünen. Die Grundstücke wurden verlost. Auf 60 Muscheln standen die Namen der Familien, auf 60 weiteren die Parzellnummern. Ein Junge und ein Mädchen zogen je eine Muschel mit Nummern und Namen. So entschied sich, wer welches Grundstück erhielt.

Die erfüllte Vision der Gründerfamilien

Rothschild Tower

pic: Pia Steigmüller

Auch Meir Dizengoff, erster Bürgermeister von Tel Aviv war Mitglied von Ahusat Beit. In nur einem Jahr erstand der Stadtkern des heutigen Tel Avivs: die Rothschild, Achad Haam, Lilienblum, Herzl und Yehuda Halevi. Das erste moderne hebräische Gymnasium in der Herzlstreet wurde wie ein Tempel im maurischen Stil erbaut. In den sechziger Jahren wurde es abgerissen, um dem ersten Hochhaus Shalom-Meir-Tower Platz zu machen.

Ich habe schlechte Erinnerungen an den Tower. Früher lag das Innenministerium hier im vierzehnten Stock. Um mein Journalistenvisum jährlich zu verlängern, musste ich mich um fünf Uhr morgens vor den Eingang schleppen und im Gedrängel eine Nummer ziehen. Diese bescherte mir, wenn es schnell ging, nachmittags mein Visum. Die historischen Schwarz-Weiss-Fotos im Bauch des Turms habe ich damals nicht wahrgenommen. Wer sich für Stadtgeschichte interessiert, sollte sich unbedingt die Ausstellung anschauen.

DER ROTHSCHILD BOULEVARD HAT MICH GEPACKT

Der zweite Teil der Tour führt uns über den Rothschild Boulevard, meine liebste Allee, an der ich letzten Sommer nachts am Kiosk festwuchs. (hier geht’s zu den besten Kiosken in TLV). Dieser Boulevard mit den wunderschönen Bauhäusern hat es mir angetan.

Skater und die Rothschild

Ich liebe den urbanen Flair auf dem breiten Grünstreifen mit den Skatern und Bikern, spielenden Kindern, Kaffeeliebhabern, Touristen und Foodies. Die Geschichte hinter den Fassaden war mir unbekannt. Sandra zeigt uns das Wohnhaus von Dizengoff (heute die Independence Hall) vor dem sich eine Menschentraube um einen Touristenguide schart. Hier hat Ben Gurion 1948 den Staat Israel ausgerufen. Entlang der Rothschild stehen die imposanten Gründervillen im eklektischen Stil. In den letzten Jahren wurden viele aufwendig renoviert und stylische Glastürme verschmelzen mit dem Denkmalschutz.

Der Rothschild Boulevard Baustil

Tel Aviv hat 4000 Gebäude im Stil der Bauhaus Architektur. Aufgrund dieses weltweit einzigartigen Baubestandes wurde die weisse Stadt 2003 zum UNESCO-Welterbe ernannt. Auf dem Weg zum Staatstheater Habima machen wir einen Abstecher in Nummer 71. Das Boutiquehotel ist ein prächtiges Beispiel für den Bauhausstil. Das einstige familiäre Wohnzimmer dient heute als Hotellobby. (Auch interessant: Die Tel Aviver Boutiquehotels unter der Lupe)

Tausend Mal gesehen und nie gefragt

Wir schieben uns weiter den Rothschild Boulevard hoch, vorbei an Sonnenanbetern auf Liegestühlen, schnüffelnden Hunden und rasenden E-Bikes. Am Habimaplatz endet unsere Tour. Unzählige Male bin ich auf dieser Piazza vorbei geradelt, ohne mir Gedanken zu machen, was es mit dem in den Boden eingelassenen Treppenbeet auf sich hat.

Habimaplatz an der Rothschild

Ein toller Rückzugspunkt zum Verschnaufen und Leute gucken. Doch selbst hier lauert Geschichte. Sandra erzählt uns, dass der Garten die Entstehung Tel Avivs symbolisiert: von den Sanddünen, über die Bepflanzung bis zur urbanen Bebauung.

Fast drei Stunden sind rum. Ich zücke den Post-Geburtstagsjoker und setze mich ab, direkt nach Hause. Ohne den Weg zurück zu Danas Auto zu laufen. Als ich mir eine Flasche Wasser kaufe, lugt ein weisser Zettel aus meinem Portemonnaie. Der Parkzettel von Dana! Von wegen bei mir aufbewahren. Letztendlich gibt der Parkmeister ihr Auto mit einem Photo des Scheins frei. Aufgepasst: Parkt nie in dieser Tiefgarage. Ich schwöre euch, da hätten wir lieber zwei Strafzettel bezahlt, als die astronomischen Gebühren für einen Stellplatz 100 Meter unter der Erde.

Wisst ihr, was es mit eurer Stadt auf sich hat? Habt ihr eine Anekdote zu Tel Aviv, dem Rothschild Boulevard und seiner Geschichte? Schreibt das in die Kommentare….

Wer eine deutschsprachige Tour bei Sandra buchen möchte:

Zaatar Tours, Sandra Carmeli

1 Kommentar

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