TEL AVIV NOTES Insider Reiseblog für Tel Aviv
Naomi's Insights

JANUAR GEDANKEN ÜBER DEN TERROR

gedanken über terror

pic: Reuters

Ich schreibe sonst über die Sonnenseiten von Tel Aviv, aber heute habe ich das Bedürfnis ein paar Gedanken zu teilen. Das Jahr hat traurig begonnen, mit dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin. 2016 musste Europa eine neue Realität erfahren, an die wir hier in Israel leider gewohnt sind.

LEBENDE BOMBEN IN CAFÉS UND BUSSEN

Als ich vor genau zwanzig Jahren nach Tel Aviv auswanderte, begann drei Jahre später die zweite Intifada. Der Alltag in meiner neuen Wahlheimat veränderte sich schlagartig. Ich arbeitete damals als Kulturkorrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung und politische Korrespondentin für die Sonntagszeitung der NZZ. Die Atmosphäre war geprägt von Angst und Unsicherheit. Es war eine blutige Zeit der Selbstmordattentate, explodierenden Busse, menschlicher Bomben in Discos und Cafés, Märkten und Fussgängerzonen. Der Gang zum Gemüsehändler war ein russisches Roulette.

gedanken über terror

Als Journalistin steckte ich die Angst weg, da ich schreiben musste, nah dran an den Ereignissen. Ich arbeitete in einem permanenten Ausnahmezustand. In meinem zweitürigen Suzuki-Jeep fuhr ich alleine oder mit einem Fotografen über die grüne Linie in palästinensische Gebiete. Auf meiner Windschutzscheibe prangte ein riesiger Presse-Aufkleber „Foreign Press“, als Schutzschild. Retrospektiv naiv. Ich hatte noch keine Kinder und dachte, ok, mir wird schon nichts passieren. Ich berichtete aus Brennpunkten wie Hebron, Nablus, Ramallah und dem Gazastreifen. Und aus Tel Aviv, meiner Herzensstadt, die so viele Attentate, Tote und Verletzte zu verkraften hatte.

MACHTLOS VOR DEM FANATISMUS

Ich erinnere mich an einen Abend: Ich kam mit einem Freund von einem Presse-Empfang beim deutschen Botschafter in Herzliya zurück. Wir parkten das Auto vor meinem Haus, als ein dumpfer Knall Tel Aviv erschütterte. Kurz darauf gingen die Sirenen los. Uns war sofort klar, dass etwas schlimmes passiert ist. Es war der 1.Juni 2001. Ein 22jähriger palästinensischer Selbstmordattentäter hatte sich vor dem Eingang einer Stranddisco am Doplhinarium in die Luft gesprengt und 20 Teenager in den Tod gerissen.

Wenn ich abends zurück in meiner Wohnung das Erlebte in die Tasten haute, kroch die Angst den Nacken hoch. Angst vor der Brutalität und Verrohung des islamistischen Terrors, der Zivilisten in barbarischen Anschlägen ermordet und Attentäter als Märtyrer verherrlicht. Gestern Abend nachdem ein LKW in Jerusalem in eine Menschenmenge raste und vier junge Israelis tötete, zündeten Palästinenser aus Freude Feuerwehrkörper, während die Eltern der Opfer ihre toten Kinder identifizieren mussten.

pic: politische-bildung.de

TRAUER UND OHNMACHT IN EUROPA

Das Gefühl der Ohnmacht und Trauer kennt nun auch Europa. Die letzten zwei Jahre waren eine Zäsur: Brüssel, Paris, Nizza, Istanbul, Ankara, Berlin. Die Liste ist zu lang, um sie hier vollständig aufzuführen. Push-Up News auf dem Handy verkünden zu jeder Stunde, ob der Terror erneut zugeschlagen hat. Man lebt in der steten Antizipation eines weiteren Unglücks.

Eigentlich wollte ich heute etwas anderes schreiben. Aber an einem Tag, an dem erneut Eltern ihre Kinder begraben – Shira Zur (20), Yael Yekituel (20), Shir Ha’jaj (22), Eres Orbach (20), kann ich nicht schweigen.

pic: ynet

Als 2014 die radikale Hamas im Gazakrieg Raketen auf Tel Aviv abfeuerte, heulten die Sirenen. Wir hatten zwei Minuten Zeit, um Schutz zu suchen. Falls wir zuhause waren, rannten wir in die Waschküche im Keller. Erwischte uns die Sirene unterwegs, flüchteten wir in einen Hauseingang, die Bewohner lassen die Türen in Kriegszeiten offen. Damals fragte mich meine Tochter Lou: „Wenn es ganz schlimm wird, gehen wir dann nach Deutschland? Da ist es sicher, oder?“

Vielleicht hätte ich damals noch geantwortet, ja, da ist es sicher. Aber heute? Die Welt ist schief, Gedenkkerzen brennen in Berlin und Tel Aviv. Wenn ich eines gelernt habe, aus diesen Erfahrungen, dann ist es die Haltung und Einstellung der Israelis zu übernehmen. In vollen Zügen zu leben. Jeden Tag aufs Neue. Als gebe es kein morgen.

TEILT EURE GEDANKEN IN DEN KOMMENTAREN…

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Jenny Reitten

    Mit Deinem Bericht über den Anschlag auf das Dolphinarium haben mich die Erinnerungen von damals eingeholt. Ich sass in meinem Hotelzimmer in Frankfurt (Kurzreise)- und habe sofort per Telefon meiner Kinder (in Tel Aviv) gesucht.

    Auch ich glaubte, dass es auf jedem Platz dieser Welt sicherer ist als in Tel Aviv, aber das gehört der Vergangenheit an – den sicheren Platz auf dieser Erde gibt es schon lange nicht mehr und auch ich bin zu dem Schluss gekommen – lebe jeden Tag als wäre es Dein letzter….

    • danke, dass du deine Gedanken geteilt hast. Ich bin mir sicher, da kommen bei vielen Erinnerungen hoch…CARPE DIEM:)

  2. Liebe Naomi,

    es ist so furchtbar: Und es genau so, wie du schreibst. Ich habe die Anschläge, an die du erinnerst, in Tel Aviv miterlebt, 2001, 2014. Und jetzt Jerusalem. Und jedes Mal und immer wieder sitzt es einem in den Knochen. Aber man weiß, man geht nicht weg, man bleibt oder kommt immer wieder. Und nicht nur, weil es auch in Europa nicht mehr sicher ist, weil der Terror auch dort zuschlägt, sondern weil Israel das Land ist, wo man leben möchte, das schön ist, zu dem es einen zieht, auch wenn man woanders wohnt. Und besonders nach Tel Aviv – my love.
    Ja, Noami, wir leben jeden Tag. Ich umarme dich.

    • Ja, Anschläge, die man aus der Nähe miterlebt, vergisst man nicht. Danke dir, dass du deine Gedanken hier teilst! Yes, TLV – my love. Ich umarme dich auch:)

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