TEL AVIV NOTES   urban  inspiring  vegan
Naomi's Insights TLV entdecken

Warum ich für eine Drei-Staaten-Lösung bin

orthodoxe-juden-israel-tel-aviv

pic: www.medea.be

Je länger ich in Israel lebe, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass eine Drei-Staaten-Lösung die perfekte Formel für unsere Zukunft wäre. Ein Staat den Palästinensern, ein Staat den orthodoxen Juden und ein Staat für das säkulare Israel.

Religiöse Wärter inspizieren die Hotelküchen

orthodoxe-juden-israel-tel-aviv

pic: Eyal Taug

Diese Woche habe ich mich wieder aufgeregt. Warum darf ein Fünf-Sterne-Hotel in Tel Aviv am Samstag auf der Terrasse keine Musik spielen? Warum dürfen ausländische Gäste in den Hotels kein Sylvester feiern? Weil das die Religionswärter des Hotels stört. Ja, ihr habt richtig gehört. Die meisten Hotels in Tel Aviv haben mehrere Mashgichim. Auf deutsch sind das Aufpasser. Sie schleichen durch die Hotelküchen, inspizieren Töpfe und Kühlschränke, prüfen, ob das Essen den strikten Speisegesetzen entspricht. Brokkoli darf nicht auf die Speisekarte. Nicht kosher genug. Hält sich das Hotel nicht ans orthodoxe Diktat, droht der Entzug des Kosher Zertifikats. Wäre doch zeitgemäss, wenn die Hotelketten den Schritt in den Betrieb ohne Zertifikat wagten.

Musik am Shabbat als Gotteslästerung?

orthodoxe-juden-israel-tel-aviv

Ich frage mich ernsthaft, wie relevant so ein Regiment im Tel Aviv des 21.Jahrhunderts ist? Warum stören sich die religiösen Aufpasser an einer Sommerterrasse mit Background Musik. Als mein Sohn Ron vor zwei Monaten Barmitzva feierte, wollte ich ihn und unsere Gäste mit Klezmer Musiker vor der Synagoge überraschen. Die acht Musiker warteten bereits mit Tuba und Trommeln auf dem Bürgersteig gegenüber dem Gebetshaus, als ich höflich drängend von einem Synagogen-Angestellten gebeten wurde, die Truppe schnellst möglich nach Hause zu schicken. Die Musiker (kein Verstärker, kein Strom) würden den Shabbat entweihen. Als Kompromiss haben die Klezmer an der nächsten Strassenecke musiziert. Musik als Gotteslästerung?

Leben und leben lassen

Mich regt das auf. Ich bin für leben und leben lassen. Hindere ich Gottesfürchtige am Beten? Schaue ich in ihre Kochtöpfe? Zwinge ich sie am Shabbat Bus zu fahren? Warum kann nicht jeder nach seiner Facon leben? Selbst im liberalen Tel Aviv müssen Supermarkt-Besitzer Strafe zahlen, wenn sie am Samstag öffnen. An den Strand kommen nur Familien, die ein Auto haben, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Ein antisoziales Gesetz, das es nur Privilegierten ermöglicht, am Shabbat Freunde in der Ferne zu besuchen.

Internet, Gayparade und Werbeplakate

orthodoxe-juden-israel-tel-aviv

Nur fünfzehn Prozent der israelischen Bevölkerung sind orthodoxe Juden. Mit ihren Protesten gegen den säkularen Charakter des Staates zerren sie nicht nur an den Nerven vieler Israelis, sondern auch am gesellschaftlichen Selbstverständnis der Demokratie. Sie leben abgeschirmt von den Verlockungen der Aussenwelt in eigenen Vierteln. Internet, Fernsehen, Werbeplakate oder ein offener Kiosk am Shabbat gelten als Gotteslästerung. Letzten Donnerstag fand in Jerusalem die Gaypride unter massiven Polizeischutz statt. Vor zwei Jahren ermordete ein orthodoxer Fanatiker die 16-jährige Shira Bankri auf der Jerusalemer Parade.

Die orthodoxe Welt ist ein Universum der Armut, abgeschirmt von modernen Versuchungen. Doch ist es gerade der Staat Israel, den die antizionistische Ultraorthodoxie so vehement ablehnt, der diese Lebensweise überhaupt erst ermöglicht. Bis heute gibt es keine klare Trennung von Staat und Religion in Israel. Bisher waren alle Regierungen – ob rechts oder links – von der Gunst religiöser Splitterparteien abhängig. Orthodoxe Parteien halten die Gesellschaft als Geisel. Noch kein Regierungschef wagte es, diese Misslage konstitutionell zu beheben.

Also, warum nicht eine Drei-Staaten-Lösung? Orthodoxe, Palästinenser, Säkulare!

Was meint ihr? Schreibt das in die Kommentare

 

 

 

 

15 Kommentare

  1. Krischan

    Also, ich verstehe nicht, wieso die Menschen überhaupt Staaten brauchen. Vom Weltbürgertum zur Spießerexklave? Wieso können wir uns nicht auf die Erklärung der Menschenrechte einigen? Das ‚Ichwillnichtdassdueineigenesdenkenhast‘ gehört in die Mottenkiste.

  2. Jenny Reitten

    Naomi, Du hast mir aus dem Herzen gesprochen – leben und leben lassen. Wir marschieren ja auch nicht nach Bnei Brak oder Mea Shearim in Jerusalem ein und „stören“ den Shabbat der Orthodoxen. Die Orthodoxen wollen abgeschirmt leben, bitte schön, aber lasst uns in Ruhe

    • Hey Jenny,
      freut mich, dass ich dir aus dem Herzen spreche. Ich mache mir bestimmt ein paar Feinde, aber was meine Meinung ist da ganz definiert!

  3. Hallo Naomi,

    ich bin nicht Deiner Meinung.
    Es ist zum Beispiel wichtig, das eine Gay Parade durch Jerusalem zieht.
    Homosexuelle Jugendliche, die in einem religiösen Umfeld aufwachsen, können so Alternativen zum Greifen nah erleben. Läge Jerusalem in einem religiösen Staat, würde man diese Menschen allein lassen. Statt den Religiösen mit Aufklärung zu begegnen, zäunte man sie ein wie eine Sekte. Und ich glaube, Pluralismus ist zwar eine Herausforderung, aber eine, die die Einhaltung der Menschenrechte am meisten garantiert.

    • da gebe ich dir ganz Recht, der Artikel ist nur ein Denkanstoss, kein Staatsmodell. Er ist überspitzt….Alles was du schreibst, unterschreibe ich auch!!!

    • Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Ich möchte vorausschicken, dass ich nicht das Geringste gegen Homosexuelle habe. Doch eine Gay-Parade in Jerusalem? Das ist für mich Provokation pur. Es käme doch auch niemandem in den Sinn, auf dem Petersplatz, vor dem Angesicht des Papstes, oder etwa in Mekka eine solche Parade zu veranstalten. Eine gewisse Portion an Respekt vor Stätten, die Andersdenkenden (und im Falle Jerusalems betrifft das nicht nur das Judentum) wichtig sind, sollte doch erwartet werden dürfen. Tel Aviv mit seinem ganz anderen Flair ist dafür weit besser geeignet.

  4. Renee Preisler Barasch

    Total deiner Meinung! Xx

  5. Also, ich finde das Foto von dem jungen Juden, der von Uniformierten weggetragen wird, total lustig. Wieso können Sie keine lockere Einstellung dazu haben? Wenn Sie in Indien sind, gehen Sie sogar in den Mäusetempel! Ich finde es super, einen Tag komplett zum Relaxen zu haben. Das klappt aber nur, wenn alle mitmachen. Über die Art und Weise, wie man relaxt, müsste man sich verständigen können. Warum nicht Zeltstädte aufbauen in Strandnähe? Knallköppe würde ich einfach ins Meer schmeißen: Ich fürchte, die extreme Hitze trägt zum Entstehen von Knallköppen bei. Abkühlen! – Und: gesundes Essen hat noch niemandem geschadet!

  6. Zauberspiegel, was für ein toller Name!Ja die Hitze gebärt Knallknöpfe:) Genau und gesund essen:)

  7. danke,,,möchte mir einen Eindruck verschaffen von Israel …
    im kommenden Jahr ..Shalom

  8. Ullrich Papschik

    Als Muster des Drei Staatenvorschlages könnte das kleine EU Land Belgien gewählt werden , mit den deutsch sprachigen ( Ostbelgien) den franz. sprachigen, (Wallonie ) und den niederl. sprachigen Belgiern die Flamen. Aber wir müssen im jüdischen Land noch immer den Gott der Juden und der Christen und letztendl. auch der Muslime mit bedenken. Und dann müßten sich alle Völkergruppen einig sein . Auch in Belgien hat es lange gedauert und auch heute gibt es Parlaments und Sprachgruppen Konflikte., leider. Darum muß man auch feststellen, daß viele Streitigkeiten und Kriege nicht durch Waffen beginnen oder ausgetragen werden sondern nur über die ZUNGE, durch böse streitsüchtige Worte und immer die fehlende Kompromißbereitschaft.

    • danke für deinen interessanten Kommentar Ullrich.
      Ja, genau: fehlende Kompromissbereitschaft und nicht zwangsläufig durch Kriege!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.