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Fussballverletzung und Jazzkonzert

pic: www.paradisi.de

Manchmal komme ich nicht zum schreiben, weil das Leben mir anderes diktiert. So war das letzte Woche. Ron mein Fussballersohn kommt morgens nicht aus dem Bett. Steifes Bein. Kickerverletzung. Die Schmerzen hat er mir verschwiegen, um weiter zu trainieren. Bis zu diesem Morgen, da ging nichts mehr.

Ärzte, Orthopäden und Notaufnahme

Ich hieve ihn ins Taxi zum Arzt. Der tastet, klopft und biegt an seinem Bein rum und schickt uns weiter zum Orthopäden. Ich bin energisch am Telefon und kriege tatsächlich noch einen Termin am Nachmittag. Der Orthopäde biegt, klopft und tastet und schickt uns ins Röntgeninstitut. Mit Nachdruck bitte ich um einen schnellen Termin. Das wäre dann der 12.Juni, konstatiert die Sekretärin am anderen Ende der Strippe. Wie, Mitte Juni?, frage ich. Früher gibt es nichts. Auch mein Insistieren, dass Ron starke Schmerzen hat, hilft nicht. Bleibt nur der Ausweg Krankenhaus, Kinder-Notaufnahme.

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Ruhig bleiben beim endlosen Warten

In der Notaufnahme für Kinder beruhigt eine Mutter ihre weinende Tochter, die sich das Kinn sichtlich fies aufgerissen hat. Es muss genäht werden. Um uns herum wird gekeucht, Kleinkinder schreien bei der Blutabnahme. Übermüdete Ärzte huschen zwischen den kleinen Patienten herum. Und Ron denkt nur daran, wann er wieder zu seiner Mannschaft zurückkehrt.

Ein junger Arzt bittet Ron seine Schmerzen zu lokalisieren und plaudert mit ihm über Fussball. Dann folgt der Oberarzt. Er zieht und biegt an Ron’s Bein und sagt, wir müssen auf den Orthopäden warten. Nach zwanzig Minuten ist vom Orthopäden immer noch keine Spur. Die Krankenschwester meint, der komme nicht, wir müssen zu ihm und zwar ins andere Gebäude. Aber Ron kann nicht laufen, werfe ich ein. Na, dann bestell ich euch einen Sanitäter mit Rollstuhl. Mir geht das alles auf die Nerven. Wir sind seit zwei Stunden hier und nicht schlauer.

Rostiger Rollstuhl und Sergey der Sanitäter

Nach einer gefühlten Ewigkeit poltert der ersehnte Rollstuhl samt russischen Sanitäter durch die Schiebetür. Sergey mit dem Goldzahn erweist sich als Fussballkenner. Er rollt mit uns über das nächtliche Spitalgelände, endlose Gänge entlang bis zum Lastenaufzug mit dem wir unter die Erde in die Notaufnahme für Erwachsene gleiten. Hier relativiert sich alles. In den Gängen liegen gebrechliche Menschen auf Klappbetten, Infusionen in der Armbeuge. Es ist überfüllt, die Klimaanlage spuckt eiskalte Luft aus und unter dem Neonlicht spiegelt sich das Leid der Patienten. Auf einem orangenen Schild steht fett: Orthopädie. Wir sind da.

Der Arzt sitzt in einem Zimmer, das wie eine Baustelle ausschaut. Er tastet Rons Bein ab und schickt uns in die Röntgenabteilung. Sanitäter Sergey ist längst weg, also schiebe ich Ron’s Rollstuhl durch das Krankenhaus Labyrinth. Ganz einfach kommt ihr da hin, meint die äthiopische Putzfrau: an der Notaufnahme rechts, geradeaus, rechts und links. Ganz einfach. Im Wartebereich der Röntgenabteilung starren die Patienten auf den Bildschirm: Atlético gegen Real in der Champions League. Irgendwie dreht sich alles um Fussball. Zurück beim Orthopäden diagnostiziert er Ron eine Muskelzerrung. Da hilft nur Ruhe und Schmerzmittel.

Wir wollen nach Hause. Schnell. Das Entlassungsschreiben muss noch am Empfang abgestempelt werden. Als wir an der Reihe sind, drängt sich eine robuste toupierte Mittvierzigerin vor und verkündet, sie sei zuerst dran. Ich bin zu müde, zum streiten. Ein Blick auf ihren hübschen Zwillinge, die rechts und links an ihrer Jeans kleben, lassen mein Aufbegehren verpuffen. Die paar Minuten machen es auch nicht mehr.

Live Jazz auf der Ben-Gurion Allee

Am Freitag hatte ich das Bedürfnis für eine Stunde meine Rolle als Krankenschwester gegen eine Tüte Musik einzutauschen. Wenn ihr in Tel Aviv seid, geht unbedingt Freitags auf die Sderot Ben Gurion. Da gibt es Live-Jazz Konzerte. Auf Klappstühlen und Parkbänken kannst du den verschiedenen Trios und Ensembles lauschen. Kurz eintauchen in den coolen Vibe von Tel Aviv, das hat mich gestärkt.

 

2 Comments

  1. Oje, hoffentlich geht es Deinem Sohn wieder besser! Ich hatte haarscharf dasselbe Thema vor einem Monat mit meinem Fußballersohn 🙂 – verstauchter Mittelfuß, eine ähnliche Odysee durch ein Athener Krankenhaus, dann natürlich kein Fußball für 10 sehr sehr SEHR lange Tage. Als dann endlich das erlösende grüne Licht des Arztes kam, ist er noch am selben Abend wie ein junges Reh zum Training gehüpft… O-Ton Arzt: langsam angehen lassen! JA KLAR!! In diesem Sinne liebe mitfühlende Grüße aus Athen

    • danke dir liebe Uta, er steht schon wieder auf den Füssen und damit auch auf dem Feld:) Liebe Grüsse nach Athen
      Naomi

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